Was ist selbst organisiertes Lernen, SOL?

Ausgangslage

Die Schulen sind verpflichtet, alle Schülerinnen und Schüler zu integrieren.
Unterschiedliche Neigungen, Begabungen, Interessen, Schwächen und Stärken sollen dabei berücksichtigt werden.
Auch die Anforderungen von Berufsbildung und weiterführenden Schulen sind komplexer geworden.

Schule in Veränderung

Verschiedene Wissenschaftler wie der australische Pädagoge John Hattie stellten Untersuchungen an, wie die Lernleistungen verbessert werden können.
Pädagogische Hochschulen und Fachhochschulen schlagen eine Unterrichtsform vor, die allgemein mit den Begriffen kompetenzorientierter Unterricht oder selbst organisiertes Lernen (SOL) umschrieben wird.

Das selbst organisierte Lernen (SOL)

Es gibt so viele Arten selbst organisierten Lernens wie es Schulhäuser gibt, in denen es angewandt wird. Jede Schule muss den Grad und die Spielart selber definieren und den eigenen Begebenheiten anpassen. Dennoch gibt es einige Merkmale, die bei allen anzutreffen sind.

1. Veränderung der Lernarchitektur

Im Gegensatz zur herkömmlichen Arbeitsweise in einem Klassenzimmer werden im SOL-Modell verschiedene Arbeitsräume zur Verfügung gestellt: Für reine Dozier-Einheiten, für stille Einzelarbeit und für Gruppenarbeiten..

2. Veränderung der Unterrichtsorganisation

Die seit Beginn des letzten Jahrhunderts eingeführte Lektionendauer von 45 Minuten wird aufgebrochen. Es werden längere Zeiträume eingerichtet, in denen die Lernenden ihre Arbeitsphasen selber einteilen und sich vertiefen können.

3. Veränderung der Rollen

Die Lehrpersonen nehmen verschiedene Funktionen wahr. Sie sind einerseits Wissensübermittelnde, aber auch Coach und Begleitende. Dabei können sie individueller und intensiver auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen.

4. Veränderung der Zusammenarbeit

Lehrpersonen sind keine EinzelkämpferInnen mehr. Sie organisieren sich untereinander. Die Unterrichtsplanung, Lernmaterialienvorbereitung und Erfassung des Leistungsstands erfolgt gemeinsam.

Klärung der häufigsten Missverständnisse mit SOL

An der Kreisschule Rheintal-Studenland haben wir im August 2015 mit drei 8. Klassen das Projekt «selbstorganisiertes Lernen» eingeführt, und zwar in den beiden Fächern Deutsch und Mathematik. Unsere Erfahrungen erlauben es uns, wichtige Missverständnisse im Zusammenhang mit SOL zu klären.

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Missverständnis Nummer Eins: Die Schülerinnen und Schüler werden sich selbst überlassen und die Leistungen fallen in den Keller.

Wir sind zu Beginn mit zu hohen Erwartungen eingestiegen. Viele der Schülerinnen und Schüler waren mit der von ihnen erwarteten Planung und Selbständigkeit überfordert und wir mussten unsere Vorgaben überarbeiten. Nach einem Semester haben sich die meisten Lernenden in der neuen Unterrichtsanlage zurechtgefunden und wir stellen einen positiven Effekt in der Lern- und Leistungsbereitschaft fest (Selbsteinschätzung/Reflexion des eigenen Leistungsniveaus: Hattie: 1.44).

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Missverständnis Nummer Drei: Alle anderen, bewährten Unterrichtsformen werden über Bord geworfen und SOL dominiert.

Wir bieten an unserer Schule 30% SOL-Anteil an. Davon sind 1/3 dem klassischen Dozieren gewidmet. Das komplett selbstorganisierte Lernen umfasst also 20%. Dieser Anteil ist von uns und der uns begleitenden FHNW-Expertin bewusst gewählt. Er kann zunehmen oder abnehmen. Mit permanenten Absprachen mit allen beteiligten Lehrpersonen wird das Projekt dauernd evaluiert und angepasst (Formative Evaluation des Unterrichts: Hattie: 0.9).

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Missverständnis Nummer Zwei: Die Lehrpersonen gehen ihrer Aufgabe nicht nach und lassen die Lernenden im Stich.

Pädagogisch erfordert das SOL-Projekt eine intensivere Begleitung der Lernenden,  (Feedback: Hattie 0.73). Der Unterrichtsstoff muss detailliert aufbereitet werden, da wir verschiedene Niveaus anbieten, welche auch über die jeweilige Klassenstufe hinausgehen (Vorausgehendes Leistungsniveau: Hattie: 0.67). Unser Aufwand ist im Gegenteil grösser als vorher und vor allem individueller. Mehrere Lehrpersonen als Ansprechpartner zu haben, hilft den Lernenden, in ihrer Selbständigkeit Fortschritte zu machen.

 

 

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Missverständnis Nummer Vier: SOL stösst die Eltern und Lehrpersonen vor den Kopf und provoziert eine Abwehrhaltung.

Ein Elternabend zeigte, dass die Eltern zu einem grossen Teil dem neuen Projekt gegenüber aufgeschlossen sind. Besonders gefiel ihnen die Möglichkeit, dass ihre Kinder auf unterschiedlichen Niveaus in der eigenen Lerngeschwindigkeit vorwärts kommen. Mit den Lehrpersonen haben wir im Voraus verschiedene Schulen besucht und uns dank der Begleitung der Fachhochschule FHNW für den Start im letzten Jahr gut vorbereitet. Nun wollten wir im neuem Schuljahr 2016-2017 drei neue Klassen hinzufügen. Mittlerweile hat die Idee eines «selbstgesteuerten Lernens» jedoch auch weitere Lehrpersonen inspiriert, sodass wir im neuen Schuljahr sogar in acht neuen Klassen SOL anbieten.

Fazit: SOL ist weder ein Allheilmittel noch ein Schreckensgespenst. Besonders hervorheben möchten wir die sozialen Auswirkungen dieses Projektes. Die 40 Schülerinnen und –schüler pflegen einen auffallend guten und kommunikativen Umgang. Sie gehen aufeinander zu, helfen einander und lernen zusammen. Konfliktsituationen haben sich drastisch reduziert. Der Gebrauch von interaktiven Kommunikationsmedien ist heute das Gebot der Zeit und wird bei uns mit Erfolg angewandt. SOL ist – wie jede andere Methode –mit Klugheit anzuwenden. SOL ist nicht gleich SOL: Jede Schule muss die ihr passende Formel selbst finden, damit es zum Erfolg führt.

Effektstärken nach Hattie: «Visible Learning» und «Visible Learning for teachers». Ab der Effektstärke 0.4 ist eine hohe Nützlichkeit der pädagogischen Intervention gegeben. Die Effektstärkenskala reicht von -0.34 bis 1.44

Stellungnahme Maria Schmid

zum SOL-Projekt an der Kreisschule Rheintal-Studenland

Die Lehrpersonen des Pilotprojektes haben mit äusserst grossem Engagement und ausgereiften Vorstellungen ihren Unterricht und dessen Organisation neu denken wollen.

Die Umsetzung erfolgte in sehr kurzer Zeit und verlangte von allen einen hohen Einsatz.

Aufgefallen ist während des Veränderungsprozesses die selbstverständliche Bereitschaft geplante Vorgehensweisen zu hinterfragen und Anpassungen vorzunehmen, wenn der erwünschte Lernerfolg der Schülerinnen und Schülern nicht gewährleistet waren.

Das beispielhafte Vorgehen, die verlässliche Zusammenarbeit und das Engagement ermöglichten den tollen Erfolg, wofür ich gratuliere!

Maria Schmid

Supervisorin, Coach BSO
Beratung WIE WEITER

Stellungnahme Martina Kolcava

zum SOL-Projekt an der Kreisschule Rheintal-Studenland

Selbstlernkompetenzen sind heute der Schlüssel zum lebenslangen Lernen.

Menschen verfügen über einen eigenen Lernantrieb, sofern sie einen gewissen Grad an Selbstbestimmung bewahren können.

Wenn Schülerinnen und Schüler kompetent angeleitet werden, wie sie ihr Lernen in Bezug auf diverse Kriterien selber organisieren können, erhöht  das ihre Lernmotivation.

Das SOL-Projekt an der Kreisschule Rheintal-Studenland ist diesbezüglich innovativ, wertvoll und lohnenswert.

Martina Kolcava

Spezialistin für Begabungspädagogik
Begabungs- und Lernzentrum BrainZone
Freie Dozentin Erziehungswissenschaften PH FHNW

Bericht schulpsychologischer Dienst

Artikel in der Botschaft vom 7. November 2015

Hier finden Sie den Artikel «Pilotprojekt selbstgesteuertes Lernen» aus «Die Botschaft» vom 7. November 2015 als PDF.